Intimität – Sartre

Hauptfiguren der Erzählung sind Lulu und Rirette. Lulu ist mit Henri verheiratet. Der ist impotent. Das stört sie aber nicht. Im Gegenteil. Ich glaube, im Grunde, ist es das, was sie am Meisten an ihm schätzt. Vielleicht auch, weil ihn das irgendwie entmannt und weiblicher macht. Oder überhaupt irgendwie asexuell. Das ist es glaube ich.

Erst dachte ich, es geht nur um das formell weibliche. Weil sie ja auch an Rirette denkt, wenn sie masturbiert. Und weil sie sagt, sie mag Priester, weil die so weiche Körper haben, wie Frauen. Aber eigentlich geht es ihr, glaube ich, gerade um seine Asexualität. Seine Impotenz. Denn sie spielt ja gerne mit seinem Penis und findet es großartig, dass er eben nicht erigiert. Und sie will einen Mann, der noch ganz jung ist, also auch eher knabenhaft und damit auch eher asexuell. Allerdings frage ich mich, was sie dann überhaupt von ihrem Liebhaber will. Pierre. Was soll das? Und davor hatte sie noch einen anderen. Ich meine: wenn sie Sex und Körperlichkeit so abstoßend findet und sich nur selbst Lust verschaffen kann, warum hat sie dann immer wieder Geliebte? Belüg sie sich damit nicht eigentlich selbst? Denn auch wenn sie immer wieder betont, wie unangenehm es ihr ist, überhaupt einen Körper zu haben und das sie sich ganz im Besonderen für ihren Hintern schämt, der, wie Rirette an spätere Stelle bemerkt, auffällig rund und sinnlich ist. Aber anderseits, ist sie auch stolz auf ihren schönen, schlanken Körper und ihren flachen Bauch. Und sie kleidet sich gerne bewusst körperbetont. Und vor ihrem Bruder zieht sie sich auch gerne um. Das ist irgendwie ein ziemlicher Widerspruch, aus dem ich nicht ganz schlau werde.

Und dann kommt noch dazu, dass sie ein komisches Verhältnis zu Intimität hat. Einerseits, mag sie schmutzige Wäsche, weil das Nähe und Vertrautheit bedeutet. Und sie verabscheut die Engländer dafür, dass sie so sauber sind und nach nichts riechen. Und sie mag auch nicht die Schweizer, weil die so stocksteif und unpersönlich sind. Und sie hat die komischsten Gedanken darüber, dass man von einem Menschen alles lieben müsst, so zum Beispiel auch die Eingeweide. Und dann (ill…!) drückte sie ihrem Ex-Geliebten gerne die Pickel (!) aus. Wahrscheinlich auch, weil das so eine nette, persönliche Geste ist. Aber dann stört es sie, wenn ihr Lover sie von hinten umarmt, ihren Rücken streichelt.

Ich glaube, der Schlüssel dahinter ist die Asexualität. Intimität ist abstoßend. Umso mehr man sich dem anderen öffnet, umso ekliger wird es meistens. Man pinkelt, wenn der andere gerade auch im Bad ist. Drückt sich Pickel aus, wenn der Partner dabei zusieht. Rülpst und furzt.

Es entzaubert einen Menschen, wenn man solche Dinge von ihm weiß. Man empfindet weniger Lust, weniger Begierde. Jemanden, den du hast scheißen sehen, wirst du wohl nie wieder so erotisieren können wie vorher (es sei denn, du hast ziemlich eigenwillige Neigungen, dann könnte es sogar helfen). Und weil Lulu alles was mit fremder Lust zu tun hat abstößt, sucht sie die Intimität, die Nähe, das Vertraute. Denn dadurch wird man, brüderlich, schwesterlich, wie man es nennen will.

Eine Bekannte von mir sagt „wir sind für einander Bambi“. Das trifft es finde ich ganz gut. Bambi ist für mich der am weitesten von Sex entfernte Gedanke.

Deshalb zieht Lulu sich auch gerne vor ihrem Bruder um. Weil er so reizend ist und so lustige fragen stellt UND weil er keine sexuellen Begierden ihr gegenüber empfindet. Er ist ihr Bruder. Er denkt nichts Böses dabei. Es ist absolut keusch und unschuldig, sich vor ihm umzuziehen.

Und dass andere Menschen versuchen sie zu erotisieren, ist für Lulu der Horror. Es stößt sie ab, dass ihre Geliebter, Pierre, denkt, dass er sie da und dort berührt und dass er es jederzeit wieder tun kann. Sie mag auch selbst nicht über diese Dinge nachdenken. Und was sie daran am meistens stört, das ist, dass Pierre damit eine Art Besitzstand an ihr anmeldet. “Du gehörst mir. Du bist mir hörig.” Und das will sie nicht. Sie will selbst bestimmt leben und denken und handeln. Und das ist wohl auch der Schlüssel, zu ihrer ganzen Einstellung: Wer Sex mit ihr hat, der hat macht über sie. Männliche Gewalt. Deshalb hat sie sich einen impotenten Mann gesucht. Und ihre Liebhaber…? Na ja, die bekommen ja nie die ganze Macht über sie, weil sie ja nicht mit ihnen verheiratet ist. Also kann auch niemand legitime Forderungen an sie stellen.

Und dieser Wille nach Selbstbestimmtheit ist es auch, der ihre Ehe zu Henri stört. Denn er versucht ständig sie klein zu machen und ihr klar zu machen, dass sie dumm und schlecht erzogen ist. Damit macht er ihr indirekt klar, dass er will, dass sie sich ändert, dass sie sich anders, angemessener verhält. Und eben das will sie nicht. Sie will frei sein. Will so sein, wie sie ist.

Und das versteht auch Rirette nicht, die ständig versucht, Lulu einzureden, sie müsste, um frei zu sein, ihren Mann verlassen. Dabei würde sie das ja nicht selbst bestimmt tun, sondern nur, weil Rirette es ihr einredet und Pierre es von ihr fordert. Und das ist doch total nervig. Das ist auch etwas, was ich selbst neulich einem Freund gesagt habe: „Du kannst nicht sagen, ich solle aufhören, mich ständig von anderen beeinflusse zu lassen und damit indirekt versuchen, deine Meinung darüber was ich tun sollte, in meinen Kopf zu pflanzen.“ Denn entweder man lebt selbst bestimmt oder fremd bestimmt. Womit wir auch wieder bei Sartres Kernaussage wären. Und außerdem passt zu dieser Erzählung wunderbar das Sartre Zitat: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Denn zumindest auf Lulu trifft das bisher 100% zu

Nun aber folgender Gedanke: Widerspricht Asexualität als Selbstbestimmtheit Sartres Weltanschauung oder ergänzt sie sie um eine weitere Option? Wie er mit Simone de Beauvoir gelebt hat, ist doch zuerst das krasse Gegenteil von dem, was Lulu tut. Dann andererseits aber auch wieder nicht. Denn sie löst sich ja auch der sexuellen Beziehung zu ihm, weil sie das ganze sonst nicht erträgt. Damit entzieht sie sich irgendwo seiner Macht. Und das sie mit anderen unverbindlich schläft, stärkt wiederum ihre Position und schwächt seine. Auch die Tatsache, dass sie dann mit jüngeren Frauen schläft, Schülerinnen von ihr, die ihr also “unterstellt” sind, lässt sie sich eben nicht wieder auf eine männlich beherrschte Beziehung ein, sondern lebt selbst bestimmte Weiblichkeit.

Aber wie passt es dann, dass Lulu am Ende zu Henri zurück geht?

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Herostrat – Sartre

Herostrat hat mich angewidert. Ist das das richtige Wort? Abgestoßen ist vielleicht besser. Beim Lesen hatte ich noch ein besseres Wort, vielleicht finde ich es gleich noch mal.
Was ist also mein Problem mit „Herostrat“? Mit der Erzählung an sich, hab ich kein Problem. Sprachlich alles super. Inhaltlich auch alles top. Hat der Sartre fein gemacht, da lässt sich glaub ich erstmal nicht drüber streiten.
Mein Problem liegt bei Paul.
Ich glaube, es gibt tatsächlich Menschen, die lesen „Herostrat“ und fühlen sich von Paul angesprochen. Sein Hass auf die Menschen, sein zutiefst empfundener Ekel, sein Abscheu gegen alles Menschliche. Am Ende geht er vielen Lesern dann wohl doch zu weit. Aber im Grunde können sie ihn ein ganzes Stück weit verstehen und finden seine Tat (jedenfalls theoretisch, immerhin ist das Kunst, es ist also abstrakt) auch durchaus vertretbar. Schließlich wurde der arme Paul ja auch immer so schlecht behandelt.
Bei mir ist das anders. Ich habe auch meine Schwierigkeiten mit den Menschen, fühle mich missverstanden und ungewollt. Aber ich liebe sie.
Der Brief, den Paul schreibt, den schreibt er an mich. An den Menschenfreund, der den anderen neben sich liebt, obwohl er ihn nicht kennt, der versteht, der verzeiht, der vor lauter Faszination am Menschen zu schreiben beginnt. Ich kann mich tatsächlich an der Schönheit einer einzigen Bewegung (und sei sie auch so simpel, wie das ergreifen einer Teetasse) ergötzen und mich dafür begeistern. Und das ganz ohne Drogen J
Ganz im ernst. Als ich im Dezember 2010 in New York war und mit ein Pärchen sprach, das gerne und oft Drogen konsumiert (nicht das harte Zeug, sie wollte nur etwas Gutes für ihre Seele tun, die kleinen Hippies), da dachte ich oft, wie es wohl kommt, das andere Menschen „bewusstseinserweiternde Substanzen“ brauchen, um zu sehen, was ich sehe. Um sich zum Beispiel an der Schönheit ihrer Hand, an der Weichheit ihre Haares zu erfreuen und sich für die Struktur des Sofas zu begeistern.
Das Leben ist soviel schöner, wenn man all diese Dinge immer um sich wahrnimmt. Und dann sind sie auch nicht so ein Schock.
Vielleicht träumen die meisten Menschen deshalb auch nicht so real. Sie wissen gar nicht, wie sich die Realität anfühlt… Aber das ist ein anderes Thema.
Paul jedenfalls weiß auch nichts von der Schönheit der Menschen. Was komisch ist, schließlich betrachtet er sie die ganze Zeit. Wird nicht alles, was man auf lange Zeit betrachtet, irgendwann schön? Auf die merkwürdigste Art und Weise? Die meisten Sachen sind doch irgendwie schön, wenn man sie nur lange genug betrachtet. Oder ist Schönheit hier das falsche Wort? Vielleicht meine ich auch nur faszinierend. Aber für mich geht das eigentlich Hand in Hand, wenn etwas so hässlich ist, dass es mich fasziniert, dann bekommt es irgendwie auch eine merkwürdige Art von Schönheit.
Auch der Tod? Auch das Töten?
Für Paul ist der Gedanke einen Menschen zu töten reizvoll. Es fasziniert ihn, es motiviert ihn, es geilt ihn auf. Das macht mich krank. Meine Vorstellung von gut und böse schalte ich aus, wenn ich über Schönheit nachdenke, aber das hört auf, wo der Respekt vor dem Leben verloren geht. Paul hat überhaupt keinen Respekt vor dem Leben. Nicht ein Stück. Nicht nur, weil er sich selbst umbringen will, was ich durchaus fragwürdig und gelegentlich auch verurteilungswürdig finde, sondern vor allem, weil er andere Menschen töten will. Das ist schlichtweg falsch. Und es widert mich an. Wenn sich ein Mensch über andere stellt, das ist mir egal. Vielleicht hat er ja sogar Recht. Wenn sich ein Mensch über eine ganze Spezies stellt…Das ist nicht richtig, aber mein Gott, wenn er’s kann? Wer will ihn aufhalten. Das mag man immer noch so und so sehen. Aber wenn sich ein Mensch über das Leben stellt, dann hört der Spaß auf.
Dazu hat er kein Recht.
Man hat ein Recht, sich zu verteidigen, solange man das mildeste Mittel wählt, den Angriff dauerhaft zu beenden. Wenn das mildeste Mittel ist, den anderen zu töten, dann ist das nicht schön, aber besser der als du.
Besteht aber ein Angriff auf Paul?
Nein!
Kein Mensch tut ihm was. Sie verhalten sich nur menschlich. Menschen reiben sich an einander, sie haben eine Rangordnung und wer sich selbst an die unterste Position manövriert, der muss auch damit rechnen, dass er nicht wie ein Alphatier behandelt wird. Wir sind doch auch nur Primaten. Wir haben unsere Drohgebärden und unser Kräftemessen und wer sich nicht darauf einlassen will oder kann, der steht außerhalb der Gruppe. Das ist nicht schön, dort ist man schutzlos. Aber man wird nicht angegriffen.
Paul will kein Teil der Gruppe sein. Er schließt sich aus der Gesellschaft aus. Er hat sich also selbst in diese Position gebracht. Er allein ist dafür verantwortlich. Und wenn er wieder in die Gruppe will, dann muss er sich nach den Spielregeln richten, er muss sich wieder in die Gruppe einbringen.
Gott! Ich mag gar nicht über diesen Typen schreiben. Er macht mich völlig krank und unglaublich wütend!

Das Zimmer – Sartre

“Das Zimmer” verschiebt ein bisschen meine Ansicht auf “Die Wand“, aber darauf komme ich gleich noch einmal zurück.
Eve ist mit Pierre verheiratet. Der ist geisteskrank. Was genau er hat, wissen wir nicht, aber es ist scheinbar nicht mehr heilbar. Sie entscheidet sich entgegen dem Rat ihrer Eltern bei Pierre zu bleiben. Angeblich ist sie sogar schwanger von ihm. (Ich glaube allerdings, dass ist nur eine Ausrede, Pierre erträgt es ja kaum sie zu berühren, warum sollte er mit ihr schlafen?) Anstatt ihn in eine Anstalt einzuweisen, will sie ihn in der gemeinsamen Wohnung behalten und möglichst genau so verrückt werden, wie er, damit sie ihn besser verstehen kann, und vielleicht sogar wieder von ihm angenommen wird, denn im Moment fühlt sie sich von den Normalen noch anerkannt, will dort aber nicht sein. Und von dem Verrückten Pierre nicht gewollt, obwohl sein Verhalten ihr vertrauter erscheint, als das der gesunden Menschen,
Die Eltern lasse ich zunächst außen vor. Von Interesse ist für mich gerade nur Pierre und der Frage: Inwieweit ist man Verantwortlich für seinen eigenen Wahnsinn?
Das ist eine Frage, die im Text auch von Eves Vater aufgeworfen wird. Eve selbst hat zwischendurch auch solche Denkansätze, wenn sie Pierre im Stillen vorwirft, dass er lügt. Und dass er genau weiß, dass sie nicht Agathe ist, und sie beide sich nie in Hamburg kennengelernt haben. Sie denkt auch, dass er die Statuen, von denen er heimgesucht wird, erfindet. Oder zumindest, dass er erfindet, dass er sie sieht, weil er sie, ihrer Meinung nach, nur hören, aber nicht sehen kann.
Inwieweit, weiß ein Verrückter wirklich nicht, was er tut und inwieweit benutzt er seinen eigenen Wahn um dich zu testen?
Ich glaube, der schizophrene Vater einer Freundin hat das getan. Er wollte sicher gehen, wem er vertrauen kann und hat sie immer wieder gefragt, ob sie dieses oder jenes auch gehört oder gesehen hätten. Aber getraut hat er ihnen nicht, egal was sie geantwortet haben.
Ich glaube, auch wenn du verrückt wirst, und viele Dinge in deinem Kopf einen anderen Sinn ergeben oder auch keinen Sinn mehr ergeben, bist du dafür verantwortlich, dich darauf einzulassen. Klar, wo deine Gehirnfunktion einfach nachlässt, da kann man nichts tun, aber verrückt werden…mmmh…
Ich will nicht, dass das arrogant oder vorwurfsvoll klingt, ich weiß ja nicht, wie es ist, wenn man verrückt ist. Wirklich pathologisch verrückt. Aber Leute werden ja auch aus anderen, nicht medizinischen Gründen verrückt.- Fangen an Dinge zu sehen, haben Wahnvorstellungen. Und an dieser Stelle bist du glaube ich doch dafür verantwortlich, was mit dir geschieht. Du kannst dich entweder in den Wahn flüchten, nur dir selbst glauben oder du kannst dich auf das besinnen, was du ein Leben lang wusstest. Nämlich, dass die reale Welt anders ist, und nicht so wie das, was du siehst.
Eve versucht Teil dieses Wahnsinns zu werden. Schafft es aber nicht. Warum sie ein Teil werden will, weiß ich nicht. Auffällig finde ich allerdings, das sie Pierre misstraut. Und damit finde ich, ist sie dem Wahnsinn ein ganzes Stück näher gekommen. Verrückte, trauen niemandem.
Jetzt habe ich irgendwie den Faden verloren.
Denkst du Pierre ist für seinen Wahnsinn mitverantwortlich? Oder geht es nur um Eves Verantwortung vor sich selbst?
Im Begleittext zur Erstausgabe sagt Sartre “Niemand will sich der Existenz stellen”. Auf wen bezieht sich das in “Das Zimmer”? Auf Eve, weil sie der Realität entfliehen und sich dem Wahnsinn anschließen will? Oder öffnet sie sich gerade der Realität indem sie einen neuen Blickpunkt auf sie wagt? Ich glaube von alle Personen in dieser Erzählung, finde ich Eve am stärksten. SIe ist bei vollem und klarem Bewusstsein und stellt sich der Schwärze von Pierre.  Sie rettet sich nicht in die Verantwortungslosigkeit. Sie könnte Pierre auch in eine Nervenheilanstalt abschieben und alle würden ihr zustimmen, dass sie das beste getan hat und dass das die beste Entscheidung für alle ist. Aber sie tut es nicht. SIe bleibt an Pierres Seite. Sie erträgt, dass er sie prüft, dass er ihr misstraut, dass er sie nie lieben kann, weil sie ihm fremd ist. Wie die Kopie einer Person, die er einmal geliebt hat. Trotzdem bleibt sie. Und sie stellt sich auch nicht vor, dass es einmal besser würde. Sie weiß, dass er unheilbar krank ist. Und sie lässt auch nicht den Gedanken offen, was wohl einmal werden wird. Sie hat es schon entschieden: Sie wird ihn töten, bevor er seine Menschlichkeit verliert. Das ist ein unfassbar klarer Entschluss. Vielleicht kann sie nicht wahnsinnig werden, weil sie so klar und so fest denkt und weiß, was sie tun will und muss. Andererseits…so klar denken sonst nur Verrückte.
Ach ja, und “Die Wand”. Ich glaube, meine Ansicht verschiebt sich, weil ich jetzt, wo ich über Pierre nachdenke, überlege, dass es bei Pablo vielleicht doch nicht darauf ankommt, ob er wusste oder sich denken konnte, wo Ramon ist. Er trägt in jedem Fall die Verantwortung für seinen Tod. Denn er er ist in jeden Fall verantwortlich für sein Handeln.

Die Wand – Sartre

Worum geht es?
Pablo, unser Protagonist, sitzt in Gefängnis (eigentlich in einem Krankenhauskeller). Vorgeworfen wird ihm, im Spanischen Bürgerkrieg auf der falschen Seite zu stehen. Er wird zum Tode verurteilt und wir durchleiden/-stehen mit ihm und seinen Zellenkollegen Tom und Juan die Nacht bis zum nächsten Moregn, wenn das Todesurteil durch Erschießung vollstreckt werden soll.
Was passiert?
Im Verlauf der Geschichte flippen Tom und Juan auf ihre Art jeder völlig aus. Pablo dagegen versucht ruhig zu bleiben. Er ist zwar nicht mehr Herr seines Körpers, der irgendwie schon macht, was er will, und schwitzt und pisst, ohne dass er etwas dagegen tun kann, ohne dass er es überhaup richtig bemerkt. Deshalb will er wenigstens seinen Geist und sein bewusstes Handeln unter Kontrolle behalten. Mehrfach betont er, dass er anständig sterben will. Und dass er es schon verstanden hat, im Gegensatz zu den anderen, dass er morgen sterben wird und dass danach nichts mehr kommt. Toll findet er das nicht, aber er will auch nicht um Gnade winseln. Er hat sich im Grund schon aufgegeben, ABER er will nicht schlafen.
Am nächsten Morgen kommen die Wachen, holen seine Zellengenossen, Tom und Juan, zur Erschießung und es tut ihm nicht leid um sie. Sie werden erschossen, er soll später geholt werden. Das warten nervt ihn, er wäre lieber gleich erschossen worden. Warum? Ist doch egal, vorhin hat er sich noch geärgert, dass die Nacht so schnell rum geht, jetzt hat er noch ein paar Stunden mehr. Muss ihm doch gefallen! Oder hat er Angst? Vor was? Vorm Sterben ja angeblich nicht.Dann kommen sie und fragen ihn, wo sein Kumpan Ramon ist. Er sagt, er wüsste es nicht. Sie sagen ihm, dass er gehen kann und sie ihn nicht töten, wenn er Ramon verrät. Er soll das eine Minuten bedenken.Und während seiner Bedenkzeit nennt er alle Gründe, warum es ihm egal wäre, wenn Ramon stirbt und dass es am Ende egal ist, wer stirbt. Er oder der andere, aber er würde natürlich lieber nicht sterben. Blabla mit allem drum und dran und dann sagt er sich: “Oh, ich werd mir einen ‘Spaß’ machen und ihnen den falschen Aufenthaltsort sagen. Einfach so, weil die mir eh nichts Schlimmeres tun können, als mich töten und das wollen sie ja so oder so.”Und, oh, große Überraschung, der Ramon war natürlich genau an dem “falschen Ort”, den Pablo beschrieben hat.

Herr Sartre, was dachten Sie sich wohl dabei?

Bei Sartre geht es um Existenzialismus und die Frage nach Eigenverantwortlichkeit.

Pablo war letzlich für sein Handeln selbst verantwortlich. Er hat seinen Kumpel verraten. Natürlich, er konnte nicht wissen, dass Ramon mit seinen Cousins hatte und dann auf dem Friedhof ist. Aber…er kannte Ramon auch sehr gut. Es wusste, wie der unter Stress drauf ist. Kannte vielleicht auch die Cousins. Die Situation, dass die sich streiten und Ramon abhaut, war vielleicht gar nicht so unrealistisch. Und wo sollte Ramon dann hin? Zu Pablo konnte er ja nicht. Der war im Knast und sonst fallen Revolutionshelfer wohl auch nicht vom Himmel. Also, was bleibt? Der Friedhof, vielleicht noch zwei oder drei andere abwegige Orte, aber soviel kann es da ja nicht geben.

Ich denke, das ist es, was Pablo die ganze Nacht nicht hat schlafen lassen. Die Überlegung: “Was wenn sie mich nochmal fragen. Was sag ich? Ich weiß es ja wirklich nicht. Also schon, er wird bei seinen Cousins sein, aber vielleicht auch schon nicht mehr. Er ist ein Sturrkopf und wenn er erst mal sauer ist, dann lässt er auch nichts gelten, vielleicht ist er da sogar schon weg. Das ist sogar sehr wahrscheinlich.”

Ich denke, erstmal wollte er es ihnen nicht sagen, aber er wusste, umso länger sie ihn warten lassen, umso eher zermürbt er (sagt er ja auch, als er in der Wäschekammer wartet). Aber er will ja anständig bleiben. Und ich glaube, deshalb hat er folgendes getan: Er wollte Ramon nicht verraten, aber er wollte auch nicht sterben, also hat er einen Ort überlegt, wo Ramon nach aller Wahrscheinlichkeit wäre, wenn er nicht mehr bei den Cousins ist. Und den Ort hat er angegeben. Damit konnte er sich nämlich vor sich selbst rechtfertigen: “Ich mach ja nur Spaß. Ich will die ja nur verarschen. Ich weiß ja das Ramon bei seinen Cousins ist und das werde ich auch nicht verraten”
Aber falls Ramon sich doch so verhält, wie er es von ihm erwartet, dann wird er wahrscheinlich auf dem Friedhof sein. Was natürlich keiner wissen kann, er ja auch nicht.

Im Grunde schließt er eine Wette auf sein Leben ab. Und er gewinnt. Und weil er es nicht ertragen kann, dass er seinen Freund verrät, versteckt er sich hinter einer Lüge vor sich selbst. Die ganze Nacht. Seine Angst ist nicht die vor dem Tod. Sondern die Angst den Freund zu verraten, und eben nicht anständig zu sterben. Sein Unmut über das Warten auf den Tod, ist nicht die Qual der zusätzlichen Stunden, sondern die Qual, als er merkt, wie sich sein innerlicher Gemütszustand verschiebt, wie er immer mehr merkt, dass, wenn sie ihn fragen, er Gefahr läuft, den Freund zu verraten, um sich frei zu kaufen. Und er weiß, dass sie ihn nochmal fragen werden, denn Ramon ist wichtiger für den Ausgang des Krieges als er selbst. Und er ist sowas wie sein bester Kumpel. Also warum sollen sie ihn töten, wenn sie ihn eintauschen können?

Die Botschaft der Geschichte ist für mich deshalb: “Auch wenn du dich selbst belügst, bist du für dein Handeln doch immer verantwortlich.”

Sartre und Simone

Wenn mir langweilig wird, dann entstehen in meinem Kopf die merkwürdigsten Ideen. Manchmal will ich dann losziehen, eine alte Kommodo kaufen, sie abschleifen und wieder auf Vordermann bringen. Von dem technischen Aspekt habe ich dabei keinerlei Ahnung. Ich stelle mir durchaus vor, dass es anstrengend ist, so ein hölzernes von Hand abzuschleifen. Und es entsteht dabei sicherlich viel Dreck. Aber manchmal fand ich solche Ideee schlichtweg genial.

Eine meiner fixen Ideen war es, Sartres gesammelte Werke zu lesen.

Ich besuchte also den Hausfreund meines Vertrauens und fragte nach Sartres gesammelten Werken. Natürlich hatte er sie. Zu meiner großen Enttäuschung besaß er allerdings keine persönlichen Aufzeichnungen des großen Philosophen. Keine Briefe keine Tagebuchbände. Nichts. Ganz schlecht.

Aber immerhin gab es  “Die Wand“, “Das Zimmer“, “Herostrat” und “Intimität“.

Aber zum Glück gibt es ja so viele wunderbare kleine Buchläden in Berlin in denen man immer wieder das eine oder andere Schätzchen finden kann. Sowie die Werke von Henry Miller. Aber das ist eine andere Geschichte.