Die Wand – Sartre

Worum geht es?
Pablo, unser Protagonist, sitzt in Gefängnis (eigentlich in einem Krankenhauskeller). Vorgeworfen wird ihm, im Spanischen Bürgerkrieg auf der falschen Seite zu stehen. Er wird zum Tode verurteilt und wir durchleiden/-stehen mit ihm und seinen Zellenkollegen Tom und Juan die Nacht bis zum nächsten Moregn, wenn das Todesurteil durch Erschießung vollstreckt werden soll.
Was passiert?
Im Verlauf der Geschichte flippen Tom und Juan auf ihre Art jeder völlig aus. Pablo dagegen versucht ruhig zu bleiben. Er ist zwar nicht mehr Herr seines Körpers, der irgendwie schon macht, was er will, und schwitzt und pisst, ohne dass er etwas dagegen tun kann, ohne dass er es überhaup richtig bemerkt. Deshalb will er wenigstens seinen Geist und sein bewusstes Handeln unter Kontrolle behalten. Mehrfach betont er, dass er anständig sterben will. Und dass er es schon verstanden hat, im Gegensatz zu den anderen, dass er morgen sterben wird und dass danach nichts mehr kommt. Toll findet er das nicht, aber er will auch nicht um Gnade winseln. Er hat sich im Grund schon aufgegeben, ABER er will nicht schlafen.
Am nächsten Morgen kommen die Wachen, holen seine Zellengenossen, Tom und Juan, zur Erschießung und es tut ihm nicht leid um sie. Sie werden erschossen, er soll später geholt werden. Das warten nervt ihn, er wäre lieber gleich erschossen worden. Warum? Ist doch egal, vorhin hat er sich noch geärgert, dass die Nacht so schnell rum geht, jetzt hat er noch ein paar Stunden mehr. Muss ihm doch gefallen! Oder hat er Angst? Vor was? Vorm Sterben ja angeblich nicht.Dann kommen sie und fragen ihn, wo sein Kumpan Ramon ist. Er sagt, er wüsste es nicht. Sie sagen ihm, dass er gehen kann und sie ihn nicht töten, wenn er Ramon verrät. Er soll das eine Minuten bedenken.Und während seiner Bedenkzeit nennt er alle Gründe, warum es ihm egal wäre, wenn Ramon stirbt und dass es am Ende egal ist, wer stirbt. Er oder der andere, aber er würde natürlich lieber nicht sterben. Blabla mit allem drum und dran und dann sagt er sich: “Oh, ich werd mir einen ‘Spaß’ machen und ihnen den falschen Aufenthaltsort sagen. Einfach so, weil die mir eh nichts Schlimmeres tun können, als mich töten und das wollen sie ja so oder so.”Und, oh, große Überraschung, der Ramon war natürlich genau an dem “falschen Ort”, den Pablo beschrieben hat.

Herr Sartre, was dachten Sie sich wohl dabei?

Bei Sartre geht es um Existenzialismus und die Frage nach Eigenverantwortlichkeit.

Pablo war letzlich für sein Handeln selbst verantwortlich. Er hat seinen Kumpel verraten. Natürlich, er konnte nicht wissen, dass Ramon mit seinen Cousins hatte und dann auf dem Friedhof ist. Aber…er kannte Ramon auch sehr gut. Es wusste, wie der unter Stress drauf ist. Kannte vielleicht auch die Cousins. Die Situation, dass die sich streiten und Ramon abhaut, war vielleicht gar nicht so unrealistisch. Und wo sollte Ramon dann hin? Zu Pablo konnte er ja nicht. Der war im Knast und sonst fallen Revolutionshelfer wohl auch nicht vom Himmel. Also, was bleibt? Der Friedhof, vielleicht noch zwei oder drei andere abwegige Orte, aber soviel kann es da ja nicht geben.

Ich denke, das ist es, was Pablo die ganze Nacht nicht hat schlafen lassen. Die Überlegung: “Was wenn sie mich nochmal fragen. Was sag ich? Ich weiß es ja wirklich nicht. Also schon, er wird bei seinen Cousins sein, aber vielleicht auch schon nicht mehr. Er ist ein Sturrkopf und wenn er erst mal sauer ist, dann lässt er auch nichts gelten, vielleicht ist er da sogar schon weg. Das ist sogar sehr wahrscheinlich.”

Ich denke, erstmal wollte er es ihnen nicht sagen, aber er wusste, umso länger sie ihn warten lassen, umso eher zermürbt er (sagt er ja auch, als er in der Wäschekammer wartet). Aber er will ja anständig bleiben. Und ich glaube, deshalb hat er folgendes getan: Er wollte Ramon nicht verraten, aber er wollte auch nicht sterben, also hat er einen Ort überlegt, wo Ramon nach aller Wahrscheinlichkeit wäre, wenn er nicht mehr bei den Cousins ist. Und den Ort hat er angegeben. Damit konnte er sich nämlich vor sich selbst rechtfertigen: “Ich mach ja nur Spaß. Ich will die ja nur verarschen. Ich weiß ja das Ramon bei seinen Cousins ist und das werde ich auch nicht verraten”
Aber falls Ramon sich doch so verhält, wie er es von ihm erwartet, dann wird er wahrscheinlich auf dem Friedhof sein. Was natürlich keiner wissen kann, er ja auch nicht.

Im Grunde schließt er eine Wette auf sein Leben ab. Und er gewinnt. Und weil er es nicht ertragen kann, dass er seinen Freund verrät, versteckt er sich hinter einer Lüge vor sich selbst. Die ganze Nacht. Seine Angst ist nicht die vor dem Tod. Sondern die Angst den Freund zu verraten, und eben nicht anständig zu sterben. Sein Unmut über das Warten auf den Tod, ist nicht die Qual der zusätzlichen Stunden, sondern die Qual, als er merkt, wie sich sein innerlicher Gemütszustand verschiebt, wie er immer mehr merkt, dass, wenn sie ihn fragen, er Gefahr läuft, den Freund zu verraten, um sich frei zu kaufen. Und er weiß, dass sie ihn nochmal fragen werden, denn Ramon ist wichtiger für den Ausgang des Krieges als er selbst. Und er ist sowas wie sein bester Kumpel. Also warum sollen sie ihn töten, wenn sie ihn eintauschen können?

Die Botschaft der Geschichte ist für mich deshalb: “Auch wenn du dich selbst belügst, bist du für dein Handeln doch immer verantwortlich.”

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2 thoughts on “Die Wand – Sartre

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