Das Zimmer – Sartre

“Das Zimmer” verschiebt ein bisschen meine Ansicht auf “Die Wand“, aber darauf komme ich gleich noch einmal zurück.
Eve ist mit Pierre verheiratet. Der ist geisteskrank. Was genau er hat, wissen wir nicht, aber es ist scheinbar nicht mehr heilbar. Sie entscheidet sich entgegen dem Rat ihrer Eltern bei Pierre zu bleiben. Angeblich ist sie sogar schwanger von ihm. (Ich glaube allerdings, dass ist nur eine Ausrede, Pierre erträgt es ja kaum sie zu berühren, warum sollte er mit ihr schlafen?) Anstatt ihn in eine Anstalt einzuweisen, will sie ihn in der gemeinsamen Wohnung behalten und möglichst genau so verrückt werden, wie er, damit sie ihn besser verstehen kann, und vielleicht sogar wieder von ihm angenommen wird, denn im Moment fühlt sie sich von den Normalen noch anerkannt, will dort aber nicht sein. Und von dem Verrückten Pierre nicht gewollt, obwohl sein Verhalten ihr vertrauter erscheint, als das der gesunden Menschen,
Die Eltern lasse ich zunächst außen vor. Von Interesse ist für mich gerade nur Pierre und der Frage: Inwieweit ist man Verantwortlich für seinen eigenen Wahnsinn?
Das ist eine Frage, die im Text auch von Eves Vater aufgeworfen wird. Eve selbst hat zwischendurch auch solche Denkansätze, wenn sie Pierre im Stillen vorwirft, dass er lügt. Und dass er genau weiß, dass sie nicht Agathe ist, und sie beide sich nie in Hamburg kennengelernt haben. Sie denkt auch, dass er die Statuen, von denen er heimgesucht wird, erfindet. Oder zumindest, dass er erfindet, dass er sie sieht, weil er sie, ihrer Meinung nach, nur hören, aber nicht sehen kann.
Inwieweit, weiß ein Verrückter wirklich nicht, was er tut und inwieweit benutzt er seinen eigenen Wahn um dich zu testen?
Ich glaube, der schizophrene Vater einer Freundin hat das getan. Er wollte sicher gehen, wem er vertrauen kann und hat sie immer wieder gefragt, ob sie dieses oder jenes auch gehört oder gesehen hätten. Aber getraut hat er ihnen nicht, egal was sie geantwortet haben.
Ich glaube, auch wenn du verrückt wirst, und viele Dinge in deinem Kopf einen anderen Sinn ergeben oder auch keinen Sinn mehr ergeben, bist du dafür verantwortlich, dich darauf einzulassen. Klar, wo deine Gehirnfunktion einfach nachlässt, da kann man nichts tun, aber verrückt werden…mmmh…
Ich will nicht, dass das arrogant oder vorwurfsvoll klingt, ich weiß ja nicht, wie es ist, wenn man verrückt ist. Wirklich pathologisch verrückt. Aber Leute werden ja auch aus anderen, nicht medizinischen Gründen verrückt.- Fangen an Dinge zu sehen, haben Wahnvorstellungen. Und an dieser Stelle bist du glaube ich doch dafür verantwortlich, was mit dir geschieht. Du kannst dich entweder in den Wahn flüchten, nur dir selbst glauben oder du kannst dich auf das besinnen, was du ein Leben lang wusstest. Nämlich, dass die reale Welt anders ist, und nicht so wie das, was du siehst.
Eve versucht Teil dieses Wahnsinns zu werden. Schafft es aber nicht. Warum sie ein Teil werden will, weiß ich nicht. Auffällig finde ich allerdings, das sie Pierre misstraut. Und damit finde ich, ist sie dem Wahnsinn ein ganzes Stück näher gekommen. Verrückte, trauen niemandem.
Jetzt habe ich irgendwie den Faden verloren.
Denkst du Pierre ist für seinen Wahnsinn mitverantwortlich? Oder geht es nur um Eves Verantwortung vor sich selbst?
Im Begleittext zur Erstausgabe sagt Sartre “Niemand will sich der Existenz stellen”. Auf wen bezieht sich das in “Das Zimmer”? Auf Eve, weil sie der Realität entfliehen und sich dem Wahnsinn anschließen will? Oder öffnet sie sich gerade der Realität indem sie einen neuen Blickpunkt auf sie wagt? Ich glaube von alle Personen in dieser Erzählung, finde ich Eve am stärksten. SIe ist bei vollem und klarem Bewusstsein und stellt sich der Schwärze von Pierre.  Sie rettet sich nicht in die Verantwortungslosigkeit. Sie könnte Pierre auch in eine Nervenheilanstalt abschieben und alle würden ihr zustimmen, dass sie das beste getan hat und dass das die beste Entscheidung für alle ist. Aber sie tut es nicht. SIe bleibt an Pierres Seite. Sie erträgt, dass er sie prüft, dass er ihr misstraut, dass er sie nie lieben kann, weil sie ihm fremd ist. Wie die Kopie einer Person, die er einmal geliebt hat. Trotzdem bleibt sie. Und sie stellt sich auch nicht vor, dass es einmal besser würde. Sie weiß, dass er unheilbar krank ist. Und sie lässt auch nicht den Gedanken offen, was wohl einmal werden wird. Sie hat es schon entschieden: Sie wird ihn töten, bevor er seine Menschlichkeit verliert. Das ist ein unfassbar klarer Entschluss. Vielleicht kann sie nicht wahnsinnig werden, weil sie so klar und so fest denkt und weiß, was sie tun will und muss. Andererseits…so klar denken sonst nur Verrückte.
Ach ja, und “Die Wand”. Ich glaube, meine Ansicht verschiebt sich, weil ich jetzt, wo ich über Pierre nachdenke, überlege, dass es bei Pablo vielleicht doch nicht darauf ankommt, ob er wusste oder sich denken konnte, wo Ramon ist. Er trägt in jedem Fall die Verantwortung für seinen Tod. Denn er er ist in jeden Fall verantwortlich für sein Handeln.
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One thought on “Das Zimmer – Sartre

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