Herostrat – Sartre

Herostrat hat mich angewidert. Ist das das richtige Wort? Abgestoßen ist vielleicht besser. Beim Lesen hatte ich noch ein besseres Wort, vielleicht finde ich es gleich noch mal.
Was ist also mein Problem mit „Herostrat“? Mit der Erzählung an sich, hab ich kein Problem. Sprachlich alles super. Inhaltlich auch alles top. Hat der Sartre fein gemacht, da lässt sich glaub ich erstmal nicht drüber streiten.
Mein Problem liegt bei Paul.
Ich glaube, es gibt tatsächlich Menschen, die lesen „Herostrat“ und fühlen sich von Paul angesprochen. Sein Hass auf die Menschen, sein zutiefst empfundener Ekel, sein Abscheu gegen alles Menschliche. Am Ende geht er vielen Lesern dann wohl doch zu weit. Aber im Grunde können sie ihn ein ganzes Stück weit verstehen und finden seine Tat (jedenfalls theoretisch, immerhin ist das Kunst, es ist also abstrakt) auch durchaus vertretbar. Schließlich wurde der arme Paul ja auch immer so schlecht behandelt.
Bei mir ist das anders. Ich habe auch meine Schwierigkeiten mit den Menschen, fühle mich missverstanden und ungewollt. Aber ich liebe sie.
Der Brief, den Paul schreibt, den schreibt er an mich. An den Menschenfreund, der den anderen neben sich liebt, obwohl er ihn nicht kennt, der versteht, der verzeiht, der vor lauter Faszination am Menschen zu schreiben beginnt. Ich kann mich tatsächlich an der Schönheit einer einzigen Bewegung (und sei sie auch so simpel, wie das ergreifen einer Teetasse) ergötzen und mich dafür begeistern. Und das ganz ohne Drogen J
Ganz im ernst. Als ich im Dezember 2010 in New York war und mit ein Pärchen sprach, das gerne und oft Drogen konsumiert (nicht das harte Zeug, sie wollte nur etwas Gutes für ihre Seele tun, die kleinen Hippies), da dachte ich oft, wie es wohl kommt, das andere Menschen „bewusstseinserweiternde Substanzen“ brauchen, um zu sehen, was ich sehe. Um sich zum Beispiel an der Schönheit ihrer Hand, an der Weichheit ihre Haares zu erfreuen und sich für die Struktur des Sofas zu begeistern.
Das Leben ist soviel schöner, wenn man all diese Dinge immer um sich wahrnimmt. Und dann sind sie auch nicht so ein Schock.
Vielleicht träumen die meisten Menschen deshalb auch nicht so real. Sie wissen gar nicht, wie sich die Realität anfühlt… Aber das ist ein anderes Thema.
Paul jedenfalls weiß auch nichts von der Schönheit der Menschen. Was komisch ist, schließlich betrachtet er sie die ganze Zeit. Wird nicht alles, was man auf lange Zeit betrachtet, irgendwann schön? Auf die merkwürdigste Art und Weise? Die meisten Sachen sind doch irgendwie schön, wenn man sie nur lange genug betrachtet. Oder ist Schönheit hier das falsche Wort? Vielleicht meine ich auch nur faszinierend. Aber für mich geht das eigentlich Hand in Hand, wenn etwas so hässlich ist, dass es mich fasziniert, dann bekommt es irgendwie auch eine merkwürdige Art von Schönheit.
Auch der Tod? Auch das Töten?
Für Paul ist der Gedanke einen Menschen zu töten reizvoll. Es fasziniert ihn, es motiviert ihn, es geilt ihn auf. Das macht mich krank. Meine Vorstellung von gut und böse schalte ich aus, wenn ich über Schönheit nachdenke, aber das hört auf, wo der Respekt vor dem Leben verloren geht. Paul hat überhaupt keinen Respekt vor dem Leben. Nicht ein Stück. Nicht nur, weil er sich selbst umbringen will, was ich durchaus fragwürdig und gelegentlich auch verurteilungswürdig finde, sondern vor allem, weil er andere Menschen töten will. Das ist schlichtweg falsch. Und es widert mich an. Wenn sich ein Mensch über andere stellt, das ist mir egal. Vielleicht hat er ja sogar Recht. Wenn sich ein Mensch über eine ganze Spezies stellt…Das ist nicht richtig, aber mein Gott, wenn er’s kann? Wer will ihn aufhalten. Das mag man immer noch so und so sehen. Aber wenn sich ein Mensch über das Leben stellt, dann hört der Spaß auf.
Dazu hat er kein Recht.
Man hat ein Recht, sich zu verteidigen, solange man das mildeste Mittel wählt, den Angriff dauerhaft zu beenden. Wenn das mildeste Mittel ist, den anderen zu töten, dann ist das nicht schön, aber besser der als du.
Besteht aber ein Angriff auf Paul?
Nein!
Kein Mensch tut ihm was. Sie verhalten sich nur menschlich. Menschen reiben sich an einander, sie haben eine Rangordnung und wer sich selbst an die unterste Position manövriert, der muss auch damit rechnen, dass er nicht wie ein Alphatier behandelt wird. Wir sind doch auch nur Primaten. Wir haben unsere Drohgebärden und unser Kräftemessen und wer sich nicht darauf einlassen will oder kann, der steht außerhalb der Gruppe. Das ist nicht schön, dort ist man schutzlos. Aber man wird nicht angegriffen.
Paul will kein Teil der Gruppe sein. Er schließt sich aus der Gesellschaft aus. Er hat sich also selbst in diese Position gebracht. Er allein ist dafür verantwortlich. Und wenn er wieder in die Gruppe will, dann muss er sich nach den Spielregeln richten, er muss sich wieder in die Gruppe einbringen.
Gott! Ich mag gar nicht über diesen Typen schreiben. Er macht mich völlig krank und unglaublich wütend!
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One thought on “Herostrat – Sartre

  1. Pingback: Sartre und Simone | Die Eleganz des Fliegenpilz

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