Intimität – Sartre

Hauptfiguren der Erzählung sind Lulu und Rirette. Lulu ist mit Henri verheiratet. Der ist impotent. Das stört sie aber nicht. Im Gegenteil. Ich glaube, im Grunde, ist es das, was sie am Meisten an ihm schätzt. Vielleicht auch, weil ihn das irgendwie entmannt und weiblicher macht. Oder überhaupt irgendwie asexuell. Das ist es glaube ich.

Erst dachte ich, es geht nur um das formell weibliche. Weil sie ja auch an Rirette denkt, wenn sie masturbiert. Und weil sie sagt, sie mag Priester, weil die so weiche Körper haben, wie Frauen. Aber eigentlich geht es ihr, glaube ich, gerade um seine Asexualität. Seine Impotenz. Denn sie spielt ja gerne mit seinem Penis und findet es großartig, dass er eben nicht erigiert. Und sie will einen Mann, der noch ganz jung ist, also auch eher knabenhaft und damit auch eher asexuell. Allerdings frage ich mich, was sie dann überhaupt von ihrem Liebhaber will. Pierre. Was soll das? Und davor hatte sie noch einen anderen. Ich meine: wenn sie Sex und Körperlichkeit so abstoßend findet und sich nur selbst Lust verschaffen kann, warum hat sie dann immer wieder Geliebte? Belüg sie sich damit nicht eigentlich selbst? Denn auch wenn sie immer wieder betont, wie unangenehm es ihr ist, überhaupt einen Körper zu haben und das sie sich ganz im Besonderen für ihren Hintern schämt, der, wie Rirette an spätere Stelle bemerkt, auffällig rund und sinnlich ist. Aber anderseits, ist sie auch stolz auf ihren schönen, schlanken Körper und ihren flachen Bauch. Und sie kleidet sich gerne bewusst körperbetont. Und vor ihrem Bruder zieht sie sich auch gerne um. Das ist irgendwie ein ziemlicher Widerspruch, aus dem ich nicht ganz schlau werde.

Und dann kommt noch dazu, dass sie ein komisches Verhältnis zu Intimität hat. Einerseits, mag sie schmutzige Wäsche, weil das Nähe und Vertrautheit bedeutet. Und sie verabscheut die Engländer dafür, dass sie so sauber sind und nach nichts riechen. Und sie mag auch nicht die Schweizer, weil die so stocksteif und unpersönlich sind. Und sie hat die komischsten Gedanken darüber, dass man von einem Menschen alles lieben müsst, so zum Beispiel auch die Eingeweide. Und dann (ill…!) drückte sie ihrem Ex-Geliebten gerne die Pickel (!) aus. Wahrscheinlich auch, weil das so eine nette, persönliche Geste ist. Aber dann stört es sie, wenn ihr Lover sie von hinten umarmt, ihren Rücken streichelt.

Ich glaube, der Schlüssel dahinter ist die Asexualität. Intimität ist abstoßend. Umso mehr man sich dem anderen öffnet, umso ekliger wird es meistens. Man pinkelt, wenn der andere gerade auch im Bad ist. Drückt sich Pickel aus, wenn der Partner dabei zusieht. Rülpst und furzt.

Es entzaubert einen Menschen, wenn man solche Dinge von ihm weiß. Man empfindet weniger Lust, weniger Begierde. Jemanden, den du hast scheißen sehen, wirst du wohl nie wieder so erotisieren können wie vorher (es sei denn, du hast ziemlich eigenwillige Neigungen, dann könnte es sogar helfen). Und weil Lulu alles was mit fremder Lust zu tun hat abstößt, sucht sie die Intimität, die Nähe, das Vertraute. Denn dadurch wird man, brüderlich, schwesterlich, wie man es nennen will.

Eine Bekannte von mir sagt „wir sind für einander Bambi“. Das trifft es finde ich ganz gut. Bambi ist für mich der am weitesten von Sex entfernte Gedanke.

Deshalb zieht Lulu sich auch gerne vor ihrem Bruder um. Weil er so reizend ist und so lustige fragen stellt UND weil er keine sexuellen Begierden ihr gegenüber empfindet. Er ist ihr Bruder. Er denkt nichts Böses dabei. Es ist absolut keusch und unschuldig, sich vor ihm umzuziehen.

Und dass andere Menschen versuchen sie zu erotisieren, ist für Lulu der Horror. Es stößt sie ab, dass ihre Geliebter, Pierre, denkt, dass er sie da und dort berührt und dass er es jederzeit wieder tun kann. Sie mag auch selbst nicht über diese Dinge nachdenken. Und was sie daran am meistens stört, das ist, dass Pierre damit eine Art Besitzstand an ihr anmeldet. “Du gehörst mir. Du bist mir hörig.” Und das will sie nicht. Sie will selbst bestimmt leben und denken und handeln. Und das ist wohl auch der Schlüssel, zu ihrer ganzen Einstellung: Wer Sex mit ihr hat, der hat macht über sie. Männliche Gewalt. Deshalb hat sie sich einen impotenten Mann gesucht. Und ihre Liebhaber…? Na ja, die bekommen ja nie die ganze Macht über sie, weil sie ja nicht mit ihnen verheiratet ist. Also kann auch niemand legitime Forderungen an sie stellen.

Und dieser Wille nach Selbstbestimmtheit ist es auch, der ihre Ehe zu Henri stört. Denn er versucht ständig sie klein zu machen und ihr klar zu machen, dass sie dumm und schlecht erzogen ist. Damit macht er ihr indirekt klar, dass er will, dass sie sich ändert, dass sie sich anders, angemessener verhält. Und eben das will sie nicht. Sie will frei sein. Will so sein, wie sie ist.

Und das versteht auch Rirette nicht, die ständig versucht, Lulu einzureden, sie müsste, um frei zu sein, ihren Mann verlassen. Dabei würde sie das ja nicht selbst bestimmt tun, sondern nur, weil Rirette es ihr einredet und Pierre es von ihr fordert. Und das ist doch total nervig. Das ist auch etwas, was ich selbst neulich einem Freund gesagt habe: „Du kannst nicht sagen, ich solle aufhören, mich ständig von anderen beeinflusse zu lassen und damit indirekt versuchen, deine Meinung darüber was ich tun sollte, in meinen Kopf zu pflanzen.“ Denn entweder man lebt selbst bestimmt oder fremd bestimmt. Womit wir auch wieder bei Sartres Kernaussage wären. Und außerdem passt zu dieser Erzählung wunderbar das Sartre Zitat: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Denn zumindest auf Lulu trifft das bisher 100% zu

Nun aber folgender Gedanke: Widerspricht Asexualität als Selbstbestimmtheit Sartres Weltanschauung oder ergänzt sie sie um eine weitere Option? Wie er mit Simone de Beauvoir gelebt hat, ist doch zuerst das krasse Gegenteil von dem, was Lulu tut. Dann andererseits aber auch wieder nicht. Denn sie löst sich ja auch der sexuellen Beziehung zu ihm, weil sie das ganze sonst nicht erträgt. Damit entzieht sie sich irgendwo seiner Macht. Und das sie mit anderen unverbindlich schläft, stärkt wiederum ihre Position und schwächt seine. Auch die Tatsache, dass sie dann mit jüngeren Frauen schläft, Schülerinnen von ihr, die ihr also “unterstellt” sind, lässt sie sich eben nicht wieder auf eine männlich beherrschte Beziehung ein, sondern lebt selbst bestimmte Weiblichkeit.

Aber wie passt es dann, dass Lulu am Ende zu Henri zurück geht?

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One thought on “Intimität – Sartre

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