Duarte Vitoria – Ohne Worte

Begierde kommt von Gier und gierig fallen wir übereinander her.

Es gibt da dieses Bild von Duarte Vitoria, dass dieses Gefühl, diese Lust an der Lust, für mich widerspiegelt.

Ursprünglich habe ich das Bild bei berlin-artparasites gesehen. Zusammen mit einem Zitat:

“There is no love. Only words to get what you want.” —Brief Crossing, 2001

Das Zitat fand ich schon damals nicht passend. In so einem Moment … ich will schon fast sagen: ist für Liebe kein Raum. Aber das stimmt nicht. Irgendwie ist alles voller Liebe. Aber auch das stimmt nicht. Es ist keine Liebe. Es ist selbstvergessene Lust. Absolutes Glück. Das Leben im Augenblick. Die völlige Verschmelzung.

Man kann das mit Liebe verwechseln. Sollte man aber besser nicht. Anderseits glaube ich, dass aus so einer Verbindung Liebe entstehen kann. Oder auch aus Liebe auch solche Lust. Denn entweder man kommt dort hin, weil man sich völlig vertraut und sich rücksichts- und schamlos gehen lassen kann. Oder aber man hat den Mut und lässt alle Ängste und Vorbehalte im Regen stehen und vertraut wider besseren Wissens in einem fast Fremden. Wenn das funktioniert hat, entsteht fast automatisch eine Verbindung, die so stark ist, dass man sie wohl Liebe nennen darf. Denn was ist Liebe sonst als blindes Vertrauen?

Also ist das Bild doch ein Symbol für Liebe?

Ich scheue mich, dass Wort “Liebe” für Lust zu benutzen. Lust und Liebe gehen nicht immer Hand in Hand. Der eine liebt seinen Partner, hat aber Lust auf einen anderen. Der nächste hat Lust, liebt aber nicht. Und: nicht jeden, den ich liebe, begehre ich auch – und andersherum.

Aber was hat das mit Worten zu tun?

“There is no love. Only words to get what you want.” —Brief Crossing, 2001

Ich kann artikulieren, was ich will und brauche. Manchmal steigert das die Lust. Manchmal zerredet man sie damit. Oft genug bedarf es aber doch gar keiner Worte. Reden ist Silber, schweigen ist Gold. Lust ist wie Liebe:irrational und ohne Worte. Wer Lust hat, braucht nicht viele Worte. Unsere Körper verstehen sich schweigend. Und sind dabei trotzdem nicht leise, trotzdem nicht sprachlos.

Wenn das Zitat von mir wäre, würde es lauten:

“There is no word to get what you want. Only lust.”

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Henry Miller: Der Teufel im Paradies

Mehr über Miller gibt es bei aus.gelesen und bei brainpickings

aus.gelesen

Henry Miller, 1940 Bildquelle: [B] Henry Miller, 1940
Bildquelle: [B] Henry Miller (1891 -1980) ist einer der Altmeister der amerikanischen Literatur, seine Biografie [1] spiegelt das Auf und Ab eines bewegten Lebens wieder. Vieles in seinem Werk ist autobiografisch bzw. an seinem eigenen Leben orientiert, Miller nutzte seine Literatur, um sich und sein Leben zu reflektieren, in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

Ab 1928 konnte es sich Miller (auch dank seiner damaligen Frau June)  leisten, nach Europa zu reisen. Er fühlte sich dort wohl, insbesondere Paris mit seiner Atmosphäre der Bohème hatte in seinen Bann gezogen. Er blieb mehrere Jahre in dieser Stadt, arbeitete zeitweise auch als Redakteur und schuf einige seiner großen Romane dort. Seine Stillen Tage in Clichy, die ich hier im Blog vor einigen Jahren schon vorgestellt hatte [2], sind dort entstanden, sie sind eine wunderbare Hommage auf die Stadt und das Leben dort, wie er es zu dieser Zeit liebte. Miller…

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Tropic of Cancer – Tania und Mona

Als ich den Roman gerade angefangen hatte zu lesen, traf ich auf die Stelle mit Tania und den zwei Francs. Sie gefiel mir so gut, dass ich sie hier zitiert habe.

Ich sprach mit einem Freund, der mit das Buch empfohlen hatte und sagte “Wow, Tania!” und er sagte “Warte ab, Tania ist nichts. Mona ist seine wahre Liebe.” Jetzt bin ich ein ganzes Stück weiter in der Geschichte. Mona war da und ich fand sie langweilig. Jetzt ist sie wieder weg. Tania trat immer mal wieder auf und bleibt spannend. Und ich frage mich, ob besagter Freund recht behalten wird, ob Mona wirklich die Liebe des Protagonisten (der scheinbar Joe heißt) ist, oder ob er sich nicht vielleicht geirrt hat und Joe zwar Mona heiratet und vielleicht sogar liebt, aber die wahre Muse seines Daseins nicht eigentlich Tania ist.

So was kommt vor. Dass man seiner eigenen Perspektive heraus, einer Figur mehr Bedeutung zuschreibt, als sie eigentlich hat, weil man selbst eine solche Figur in seinem eigenen Leben hat oder sich mit einer bestimmten Figur besser identifizieren kann.

Mona oder Tania? Wem gehört sein Herz? Wem seine Seele? Wer macht ihn schreiben? Wer treibt ihn in den Wahnsinn? Und was sagt das über ihn aus?

Tropic of cancer – Claude und Germaine

Claude und Germaine die zwei Prostituierten. Politisch korrekt sagt man jetzt, glaube ich, sex-worker. Miller sagt schlichtweg Huren. Was auch irgendwie interessant ist, weil sie dadurch sprachlich ganz klar getrennt sind von den üblichen “cunts”. Er benutzt dieses Wort nicht ein einziges Mal für eine der beiden. Stattdessen bezeichnet er ihre Intimsphäre sogar als “Rosenbusch”. Das kommt ja zu dem schnodderigen “cunt” schon fast einer Liebeserklärung gleich.

Und irgendwie hat er zu diesen beiden Frauen auch eine andere Beziehung. Vielleicht, weil sie so arm sind wir er? Vielleicht weil sie nichts von ihm wollen, als sein Geld, vielleicht seinen Schwanz. Sie spielen ihm etwas vor, Lust und Begehren, aber das ist in Ordnung, etwas anderes erwartet er auch gar nicht von ihnen. Es ist ihr Job. Business as usual. Nicht so wie die Frauen der Mittel- und Oberschicht mit denen er sonst schläft, die … die was? Kann ich noch gar nicht so verallgemeinern. Die vielleicht eine Beziehung suchen oder die Gefühle vortäuschen, während sie mit zwei verschiedenen Männer schlafen oder die sich nicht unter Kontrolle haben und sich von ihm (tut mir leid, aber ich werde konsequent seine direkte Sprache benutzen) ficken lassen, obwohl sie das aus ihrer gesellschaftlichen Position heraus nicht tun dürften.

Frauen die sich wie Huren verhalten, sind für ihn Fotzen. Huren sind dagegen Orte der Ruhe und der Lust. Vielleicht weil Sex nur mit ihnen wirklich Selbstzweck ist. Sex ist eine Dienstleistung. An den Protagonisten als Kunden werden keine Ansprüche gestellt.

Und deshalb ist ihm wohl auch Germaine lieber als Claude. Weil sie Hure aus ganzem Herzen ist.

She was a whore all the way through

Und genau darin sieht er ihre Stärke. Sie genießt, was sie tut, oder tut jedenfalls sehr überzeugend so. Sie sagt einem Mann, was er im Bett hören will. Und sie tritt vor allem selbstbewusst auf.

She spoke of it as if it were some extraneos object which she had acquired at great cost, an object whose value had increased with time and which now she had prized above everything in the world. (…); it was no longer just a private organ, but a treasure, a magic, potent treasure, a God-given thing – and none the less so because she traded it day in and day out for a few pieces of silver.

Sie macht sich durch ihre ganze Art zum Objekt seiner Begierde. Er zahlt und bekommt dafür guten Sex.

Das ist das krasse Gegenteil von Claude, die durch ihre immer etwas traurige Art das Gefühl von Schuld hinterlässt. Sie gehört nicht in diese schmutzige Welt und so gut sie auch versucht, sich in ihr Schicksal zu fügen, es bleibt etwas schamhaftes und elfengleiches an ihr. Das macht das ganze wiederum persönlich und deshalb ist die für den Protagonisten eben keine gute Hure.

Tropic of Cancer – Tania

There is a bone in my prick six inches long. I will ream out every wrinkle in your cunt, Tania, big with seed. I will send you home to your Sylvester with an ache in your belly and your womb turned inside out. Your Sylvester! Yes, he knows how to build a fire, but I know how to inflame a cunt. I shoot hot bolts into you, Tania, I make your ovaries incandescent.  Your Sylvester is a little jealous now? He feels something, does he? He feels the remnants of my big prick. I have set the shores a little wider, I have ironed out the wrinkles. After me you can take on stallions, bulls, rams, drakes, St. Bernards. You can stuff toads, bats, lizards up your rectum.  You can shit arpeggios if you like, or string a zither across your navel. I am fucking you, Tania, so that you’ll stay fucked. And if you are afraid of being fucked publicly I will fuck you privately. I will tear off a few hairs from your cunt and paste them on Boris’ chin. I will bite into your clitoris and spit out two franc pieces …